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2. Feb 2006: Ankunft in Williamsburg und Ausflug nach Washington




Willkommen in Washington.

Um meinen Bericht diesmal mit drei besonders beeindruckenden Fakten anzufangen:

1) Meine Uni ist die zweitälteste Uni der USA und steht vom Alter her genau zwischen Harvard und Yale. Wow… :)

2) Der Workload hier (also die Arbeitsbelastung während des Studiums) ist angeblich die zweithöchst in ganz USA.

3) Eine besonders schön gelegene, hölzerne Fußgängerbrücke über einen kleinen Bach auf unserem Campus wurde vom Musiksender MTV zum romantischsten Ort an einer US Uni gewählt. Und wie üblich ist eben diese Brücke auch mit einer mystischen Geschichte verbunden:
"According to another legend, if you kiss your love in the middle of the Crim Dell bridge, you are destined to be together forever. If things turn sour, the only way to break the "curse" is to toss the person you kissed off the bridge. It should be noted, however, that if you cross the bridge alone, you are fated to be alone forever."


Das berühmte "Iwo Jima Memorial".
Ähnlichkeiten beim Aufrichten eines grauen Plastikrohrs auf einem leeren Sockel sind rein zufälliger Natur. :)

Nun aber mal im Ernst: Ich bin nach meiner etwa fünfwöchigen Rundreise durch die Welt nun doch noch endlich am eigentlichen Ziel angekommen: Das "College of William and Mary" im beschaulichen Williamsburg an der Ostküste der USA soll für die nächsten fünf Monate meine Heimat sein. Oder um es kurz zusammenzufassen: Ich lebe die nächste Zeit in den USA mitten im Nirgendwo, und ohne Auto reichlich abgeschnitten vom sonstigen Leben :). Aber man soll sich ja nicht immer über solche Nebensächlichkeiten beschweren, denn schließlich habe ich ja jetzt auch im Vergleich zu Singapur endlich mal mehr Zeit zum Studieren :

Aber um die Sache mal nüchtern-sachlich zu betrachten: Ohne Auto ist man hier in diesem Teil der USA wirklich total aufgeschmissen. Zwar ist das öffentliche Verkehrssystem in Williamsburg selbst ganz gut (wäre ja auch noch schöner), aber sobald man woanders hin will, ist man im Prinzip gezwungen ist, sich sofort ein Auto zu mieten (so zum Beispiel während unseres Trips nach Washington).

Bekannt aus "Forrest Gump":
Das Washington Memorial

Studentenleben sieht in Williamsburg folgendermaßen aus: Im Ort selbst gibt es genau zwei Kneipen (für einen Studentenstadt schon außergewöhnlich) sowie ein hoffnungslos überdimensioniertes Kino. Und die nächstgrößere Stadt ist direkt mal 60 km entfernt (ergo ohne Mietwagen nicht zu erreichen). Traumhaft…

Insgesamt bewahrheitet sich nach vier Wochen USA aber auch genau das, was man bereits in Deutschland schon vermutet hat: Verschwenderischer Umgang mit Ressourcen, buckeliges Gesundheitssystem (im Krankheitsfall muss man 20% von allem selbst bezahlen), teilweise merkwürdigen Gesetzen (Waffe kaufen ab 18, Alkohol kaufen ab 21) und teilweise sehr nervige oberflächige Freundlichkeit. Das klingt jetzt alles etwas negativ (und ist es teilweise auch), insgesamt ist mein Gesamteindruck von meinem Aufenthalt hier bisher aber wirklich (!) positiv.

Was ich zum Thema Energieverschwendung immer nur vermutet habe, bewahrheitet sich zumindest hier an der Uni zu 100%: In meinem Dorm ist nix isoliert, die Fenster sind nicht doppelverglast, Heizungsrohre kommen unisoliert aus der Wand und überall brennt permanent das Licht. Gerade der Punkt "Isolierung von Räumen" ist aber absolut kein Problem wenn man die Heizung einfach weiter aufdreht. Und wenn der Strom knapp wird, baut man halt ein neues Atomkraftwerk. So einfach ist das. Ach ja, dass hier alle in fetten Autos rumfahren, die mindestens 20 Liter/100km schlucken, dürfte ja wohl schon rumgesprochen haben… :)

"Colonial Williamsburg Tour" mit den Austauschstudenten

Übrigens habe ich bereits am zweiten Tag schon den Grund ausmachen können, warum so ziemlich alle Studenten der EBS während ihres Auslandsaufenthalts in den USA in der Vergangenheit an Gewicht zulegen haben: Die Kantine besteht im Prinzip aus einem einzigen großen "all you can eat" Buffet. Dort gibt es neben gesunde Dinge wie Salat und Gemüse auch die alltime-Klassiker wie z.B. Burger, Fritten und Hotdogs, welche von den Studenten doch irgendwie mehr bevorzugt werden als das gesunde aber dafür langweilige Grünzeugs. Nicht zu vergessen ist auch das einmalige Dessert-Buffet, bei dem es von Eis über Waffeln, Brownies, Doughnuts, Muffins und Kuchen so ziemlich alles gibt, was man sich als Nachtisch so wünscht. Ich werde mich hier in den nächsten Monaten einfach mal an die Kultur anpassen und wie ein Ami die ganzen leckeren Sachen essen und ganz naiv auf meinen gewohnt robusten Stoffwechsel vertrauen. Soll der das doch für mich regeln… :)
Natürlich kann man als Ami von den leckeren Sachen gar nicht alles auf einmal essen, vor allem aber auch nicht alles, was man sich vorher auf den Teller geschaufelt hat. Macht aber auch nix; denn wird der ganze ungegessenen Kram am Ende halt einfach incl Einweggeschirr weggeworfen. Umweltschutz olé…

Zum eben angesprochenen Thema der Gesundheitsversorgung: Ich war im Voraus etwas angesäuert, da die Uni meine internationale Krankenversicherung nicht akzeptiert hat. Der Grund ist ebenso schockierend wie banal: "Selbstmord und Alkoholmissbrauch werden im Fall des Falles nicht übernommen". Denn da sich hier vor ein paar Jahren mal zwei Japaner ohne "Selbstmordversicherung" umgebracht haben (wegen des hohen Drucks?) musste die Uni den sechsstelligen Betrag selbst übernehmen. Dem gegenüber musste sich die Uni natürlich in Zukunft wappnen, denn sowas ist betriebswirtschaftlich einfach nicht zu tolerieren…

Wer sich nicht schickt wird "angeprangert.

Dass meine Uni hier eine sehr lange Tradition besitzt, bemerkt man spätestens, wenn man sich mal die Liste der ehemaligen Studenten ansieht: Denn neben Tyler und Jefferson (beide ehemalige US Präsidenten) tummeln sich auch regelmäßig sonstige Prominente in berühmten Ämtern, wie z.B. noch Ende der neunziger Jahre "Maggie" Thatcher als Präsidentin.
Und bei wem angesichts solcher Namen der Groschen immer noch nicht gefallen ist, wird dann vermutlich beim hofoffiziellen "Pledge" (Schwur) aufgeklärt: Bei eben dieser Zeremonie, die jeder neue Student über sich ergehen lassen muss, erhebt man feierlich im "ältesten akademischen Gebäude der USA" (hehe, mal grad 300 Jahre alt, auf so was sind die hier Stolz :) seine rechte Hand und schwört u.a. "nicht zu lügen, stehlen oder betrügen" oder den Ruf der Uni zu beschmutzen. Irgendwie merkwürdig, aber andererseits auch lustig.
Vollends irritiert ist man aber erst, wenn einem der Rektor in der Begrüßungsrede in vollem Ernst mit auf den Weg gibt (achtung! Jetzt kommts: ) "nicht mit jemandem zu spielen wenn die andere Person nicht mit einem spielen will" (Gemeint sind ungewollte Annäherungsversuche) oder "[…]jemandem im Chat im Internet etwas zu sagen, was man ihm nicht persönlich gesagt hätte." (Auf Deutsch: Mach' niemanden im Chat an weil du dich das sonst nicht traust :)
Wenn man jetzt wie in unserem Fall irritiert mit einem "hä?" total verwirrt seinen Nachbarn neben sich anguckt, um zu sehen ob er das gerade geblickt hat, aber auch bei ihm ein großes Fragezeichen über dem Kopf schwebt, dann sollte man einfach akzeptieren, dass hier im konservativen Virginia halt alles etwas anders läuft.
Ach ja, hab ich schon erwähnt dass ein nicht zu unterschätzender Teil der Studentinnen hier teilweise angezogen sind wie eine 40 jährige Mütter? Also so mit Bluse und Perlenkette?!? Sehr irritierend. Aber es gibt hier auch noch genügend normale Leute :)

Das berühmte "Iwo Jima Memorial".
Ähnlichkeiten beim aufrichten eines gefundenen Plastikrohrs sind rein zufälliger Natur. :)

Was aber trotz allem im konservativen Virginia genauso abläuft wie im Rest der USA ist die schon fast beeindruckende (zumindest von einem Deutschen gefühlte) Oberflächlichkeit. Beispiel: Man erzählt jemandem halt in gewohnter Smalltalk-Manier wo man so herkommt und was man so macht und bekommt in einem fast schon lächerlich-übertriebenen Tonfall als Antwort "Oh, awesome! That's sooo nice". Hä? Hab ich da was nicht mitbekommen?
Weiteres Beispiel: Egal wen man trifft (Busfahrer, Pizzabote, etc), jeder grüßt einen mit "Hey how're doin'?" (Hey, wie geht's), erwartet aber im Gegenzug keine Antwort und geht häufig einfach weiter.

Zu Williamsburg selbst gibt es sonst eigentlich wenig zu sagen (am Besten die Bilder angucken): Im Prinzip ist "Colonial Williamsburg" ein einziges großes Freilichtmuseum, in dem sogar die Fremdenführer in traditioneller Colonial Kleidung rumlaufen. Was nicht heißen soll dass es nicht interessant ist, aber irgendwann ist man mit dem ganzen geschichtlichen Sachen halt auch durch. :

Phil der alte Gauner... :)

Soviel für den Moment, muss mal langsam anfangen, was für die Uni zu tun, bin nämlich hoffnungslos im Rückstand und angesichts des anstehenden "Superbowl" Finales am Sonntag wollte ich Sonntag Abend eingentlich frei haben. Bis dahin wartet aber noch ein dicker Berg Arbeit auf mich.

Und dass ich sowohl von meiner Wohnung als auch vom Campus selbst noch keine Bilder reingestellt hab, hat zwei Gründe:
1) Meine Wohnung muss ich nach Nadjas Aufenthalt erstmal wieder räumen (Matratze raus, etc)
2) Den Campus werde ich erst fotografieren, wenn es hier richtig schön grün ist, auch wenn er schon jetzt wirklich sehr beeindruckend aussieht (viele alte Gebäude und alte Bäume).

In diesem Sinne…

stefan:.


Forsetzung folgt...